Mittwoch, April 12, 2006

Ein vorbildlicher (typisch analytischer?) Diskussionsstil

Ich wollte mich in meinem vorletzten Post ja eigentlich nur ein bisschen ueber Peacocke aufregen, der voellig unverstaendlich und langweilig schreibt. (Wie gesagt, mit Ausnahme von Kapitel 3.) Aber statt dessen wurde eine kleine Schlammschlacht zwischen Verfechtern von analytischer und kontinentaler Philosophie daraus. Keine Ahnung, was der professionelle Blogger an dieser Stelle macht, vielleicht zensieren. Ich fand es jedenfalls bloed. Vor allem hat immer noch keiner meine ernstgemeinte Frage beantwortet, was denn die anderen Standards sind, die bei Kontinentalphilosophie im Gegensatz zur analytischen Philosophie angewandt werden. Als zweites interessiert mich natuerlich, was die Themen der Kontinentalphilosophie sind, so dass die Naturwissenschaften nichts dazu zu sagen haben, und so dass sie nicht in der Gefahr ist, wegrationalisiert zu werden. Wenn ihr euch so ueber die analytische Philosophie erregen koennt, hoffe ich, dass ihr mir auch diese Fragen beantworten koennt!!!

Ich moechte ausserdem festhalten, dass das in keinem Falle ein analytischer Diskussionsstil war. Bei analytischen Diskussionen sollte man Argumente fuer seine Thesen vorbringen, was hier auf keiner Seite geschehen ist. Z.B. hat JST zwar behauptet, dass alle Kontinentalphilosophen dummschwaetzen, aber ausser seiner eigenen, zumindest fuer uns im Blog nicht belegten Erfahrung und Intelligenz (die auch prompt angegriffen wurden) keine Argumente fuer diese These gebracht. Mner hat im Gegenzug die nicht belegte Behauptung aufgestellt, dass die analytische Philosophie auf dem Stand von vor mehreren hundert Jahren ist, und noch dazu eine Hilfswissenschaft. (Ich stimme zu, dass die analytische Philosophie in vielen Bereichen durch die Naturwissenschaften 'bedroht' ist, frage mich aber weiterhin, warum die Kontinentalphilosophie nicht in dieser Lage ist. Ausserdem bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich ein Zeichen mangelnder Qualitaet der analytischen Philosophie ist.)

Ich wollte euch deshalb alle miteinander im Sinne meines Blogs bitten, dass ihr eure Thesen in Zukunft mit Argumenten belegt. Ich gebe zu, dass ich auch nicht immer wasserdicht argumentiere, aber bei einigen der letzten Kommentare musste man doch den Eindruck gewinnen, dass ihr es noch nicht einmal versucht habt! Ausserdem waere ich euch allen sehr dankbar, wenn ihr wahllose Beleidigungen nicht auf meinem Blog austauscht, da es mir tatsaechlich darum geht, interessante Diskussionen zu fuehren, und zwar unabhaengig, ob sich jemand eher dem Camp der Analytiker oder dem Lager der Kontinentalen zugehoerig fuehlt.
Vielen Dank im Voraus,
Eva

32 Comments:

Blogger philosophus said...

Vielleicht wäre eine gute Anlaufstelle einer, der sozusagen beide Ufer kennt: Richard Rorty.

Zwei m. E. sehr lesenswerte Aufsätze:

"Philosophy in America Today", in: Consequences of Pragmatism (1972-1980), S. 211-230.
"Philosophy as science, as metaphor, and as politics", in: Essays on Heidegger and others. Philosophical Papers II, S. 9-26.

13 April, 2006 00:17  
Blogger mspro said...

Ich habe die Diskussion gelesen. Ziemlich harter Tobak. Als Blogger ist man ja glücklicherweise aber nicht einfach nur Moderator, sondern Hausherr. Ich persönlich würde also meine "Gäste" auffordern, doch bitte nicht auf den guten Teppich zu k**zen, sonst gibt es Hausverbot. Aber das liegt einzig in der Entscheidungsgewalt des Hausherrn. ;-)

Schade finde ich es, dass hier ein vielleicht für alle gewinnbringender Dialog so gescheitert ist. Ich glaube, mit gegenseitigen Bezichtigungen kommen wir alle nicht weiter. Der Ansatz von dem mir hochgeschätzten JGE scheint mir bei einem analytisch-kontinentalen Austausch am gewinnbringendsten. Man sollte zunächst einmal davon ausgehen, dass wir unterschiedliches wollen, denken und tun. Wenn wir uns darüber austauschen, werden wir dennoch auf Ähnlichkeiten stoßen, die man weiter ausloten kann. Ich persönlich bin mehr der "kontinentale" Philosoph, lese aber mit vergnügen die mehr "analytische" Philobar und wir betreiben, wie ich denke, einen wirklich interessanten Dialog.
Aber zurück zur Frage, was denn nun die kontinentale Philosophie so treibt. Ich will das mal so darstellen, wie es mir erscheint, was aber sicher nicht der Weisheit letzter Schluss ist:
Die Kontinentalphilosophen fragen nicht nur anderes, sondern sie fragen auch auf andere Weise. Und das verzwickte ist zudem, dass sie auch noch Fragen, warum sie gerade in dieser Weise fragen. Das "wie" des Denkens/Fragens/Sagens spielt, eine größere Rolle als in der analytischen Philosophie. Das führt oft zu verzwackten Problemen und teils verwirrenden Texten, weil sie auf mehreren Ebenen gleichzeitig arbeiten. (Für Derrida brauche ich z.B. bisweilen 10 intensive Durchgänge bevor ich was kapiere.)

Bei den Texten gibt es auch keinerlei "Standards". Sie sind alle sehr frei und diese Freiheit wird ausgenutzt, um ein wenig zu mit der Sprache zu spielen. (Das ist ja vor allem bei Heidegger der besondere Genuss)
Der Eindruck, den ich von der analytischen Philosophie habe, ist, dass sie sehr auf Antworten aus ist. Die Fragen sind meistens sehr einfach gehalten und es wird versucht, mithilfe logischer Schlussfolgerungen zu einem Ergebnis zu kommen. Ich weiß zu wenig über a.Ph., als dass ich beurteilen könnte, ob das auch klappt. Aber ich würde mich doch sehr wundern. Meiner Erfahrung nach, führt diese Herangehensweise meistens nur zur Aufteilung in weitere Teilprobleme usw., die sich immer engmaschiger verästelnd schließlich in den weiten der Empirie verlieren. Insofern ist die Gefahr von der Wissenschaft absorbiert zu werden, wohl durchaus gegeben. Aber wie gesagt, ich bin da kein Experte und würde mich über gegenteilige Entgegnungen freuen.

13 April, 2006 00:22  
Blogger Eva Schmidt said...

Hallo mspro!
Danke erstmal fuer deinen hilfreichen Kommentar. Zu der Frage, was eigentlich das spezifische an der analytischen Philosophie ist, musste ich auch erstmal nachlesen und nachdenken. Hier sind zwei ganz gute Texte dazu:

Brian Leiter:
http://www.philosophicalgourmet.com/analytic.htm

Stanford Encyclopedia of Philosophy:
http://plato.stanford.edu/entries/analysis/s6.html

Ich denke, dass man die analytische Philosophie kaum an ihren Themen festmachen kann. Es gibt ja alles moegliche, z.B. Ethik, Erkenntnistheorie, Metaphysik, Philosophie des Geistes, Sprachphilosophie, etc. pp.
Man muss sich also an die Arbeitsweise halten. Da wuerde ich behaupten, dass Klarheit und gute Argumentation zumindest die angestrebten Ideale sind. Der Witz bei analytischer Philosophie soll der sein, dass Philosoph A ein Argument fuer seine These mit meinetwegen 3 Praemissen vorbringt; Philosoph B greift dann Praemisse 2 an, oder zeigt, dass das Argument als ganzes nicht schluessig ist, wobei er wieder eigene Praemissen vorbringen muss und so weiter. (Ist das bei Kontinentalphilosophie nicht so?) Es ist natuerlich nicht gesagt, dass das wirklich von allen PHilosophen durchgehalten wird...
Eine weitere Sache, die die analytische Philosophie auszeichnet, ist das grosse Misstrauen gegenueber unverstaendlichen Thesen - es wird gerne argumentiert, dass manche Fragen oder Antworten gar keinen Sinn ergeben, und dass wir uns deshalb auch nicht damit rumzuschlagen brauchen. Zum Beispiel koennte ein anaytischer Philosoph behaupten, dass sich die Philosophie nicht mit Gott beschaeftigen braucht, weil wir ueber den eh nichts rausfinden koennen, in die eine oder die andere Richtung. Insofern steckt auch einiges an Selbstreflexion mit drin; der analytische Philosoph sollte sich idealerweise in erster Linie klar werden, ob die Saetze, die er von sich gibt, ueberhaupt mehr sind als leere Worthuelsen, ...
Eine weitere wichtige Methode der analytischen Philosophie ist der Bezug auf unsere Intuitionen/Common Sense, und die Frage, inwieweit der verlaesslich ist und durch gute Argumente uebergangen werden darf. Dazu dienen dann alle moeglichen Gedankenexperimente.

Etwas zusammengewuerfelt, aber das war das, was mir als erstes eingefallen ist. Ein Vorschlag: Vielleicht koennten wir uns auf ein Thema einigen, das sowohl Analytiker als auch Kontinentale beackern, und dann am Beispiel zeigen, wo die Unterschiede liegen. Mir faellt spontan das Thema Zeit ein. Wie wuerden denn Kontinentalphilosophen so ein Thema, z.B. die Frage "Was ist Zeit?" angehen?

Eva

13 April, 2006 09:28  
Blogger mspro said...

Natürlich gibt es auch in der Kontinentalen Philosophie Prämissen aber ich denke, die sind nicht so strukturiert als solche gekennzeichnet.
Interessant wird es, wenn man sich darum bemüht, bei anderen verdeckte Prämissen aufzuzeigen. Also Prämissen, die ein Philosoph unhinterfragt voraussetzt, die er aber nicht explizit ausformuliert. Diese zeigen dann sehr viel mehr über das "wie" des Denkens des jeweiligen Philosophen und der Philosophie im Allgemeinen.
Etwas ähnliches hat Heidegger mit dem Zeitbegriff gemacht (elegante Überleitung, gell?). Er hat z.B. gezeigt, dass das "Sein" in der Philosophie, aber auch im allgemeinen Sprachgebrauch immer einen impliziten Zeitbezug und ein bestimmtes Zeitdenken offenbart. Die Präferenz der Philosophie für die dritte Person Singular des Verbs "sein" (also "ist") ist bereits immer auf eine bestimmte Vorstellung von Zeit ausgelegt, die ihren Ursprung immer in der Gegenwart hat. Die sogenannte Gegenwart ist es also, die einen Großteil des abendländischen Denken ausmacht. Rührt man also an dem Begriff der Gegenwart, so kommen alle philosophischen und logischen Prämissen schnell ins Wanken, die nach dem Schema „S ist P“ aufgebaut sind, also vor allem jene der sogenannten Logik.
Derrida hat im Anschluss an Heidegger gezeigt, dass diese sogenannte Gegenwart immer als eine Unmittelbarkeit der Erfahrung gedacht wird, die er grundsätzlich bestreitet. Seiner Meinung nach gibt es keine nicht-vermittelte Erfahrung, also auch keine absolute Gegenwart, womit der Seinsbegriff und der Zeitbegriff so nicht mehr einfach stehen gelassen werden kann.
Beide, Heidegger und Derrida versuchen also den herkömmlichen Zeitbegriff und damit die Philosophie im Allgemeinen anzugreifen. Leider bieten sie keine wirkliche Alternative, wie man Zeit denken kann. Das ist ebenso ein Problem der zeitgenössischen kontinentalen Philosophie, dass die keine Antworten bietet, sondern den Leser dümmer zurück lässt, als er vorher war.
Aber auch das ist ja nichts Neues. Dieses Programm hat auch schon Sokrates betrieben.

13 April, 2006 12:38  
Anonymous Steffen Harr said...

Typisches Kontinentalphilosophengequatsche!
Beispiele:
1."Sie sind alle sehr frei und diese Freiheit wird ausgenutzt, um ein wenig zu mit der Sprache zu spielen. (Das ist ja vor allem bei Heidegger der besondere Genuss)"

Aha!
Freiheit ist ja wohl etwas unterbestimmt als Kennzeichen angeblich philosophischer Argumentation, vor allem als Freiheit-von-Standards.´

2.
Interessant wird es, wenn man sich darum bemüht, bei anderen verdeckte Prämissen aufzuzeigen. Also Prämissen, die ein Philosoph unhinterfragt voraussetzt, die er aber nicht explizit ausformuliert.

Sehr beliebte Methode!
Sich nicht selbst auf Prämissen festlegen, sondern bemängeln,dass
der Opponent unhinterfragte Annahmen tätigt.
Teuflische Dialektik!
Zurück zum Infinitismus in der Rechtfertigung!
Da hilft ja sogar schon die Etymologie weiter.

3.
Philosophie für die dritte Person Singular des Verbs "sein" (also "ist") ist bereits immer auf eine bestimmte Vorstellung von Zeit ausgelegt, die ihren Ursprung immer in der Gegenwart hat. Die sogenannte Gegenwart ist es also, die einen Großteil des abendländischen Denken ausmacht. Rührt man also an dem Begriff der Gegenwart, so kommen alle philosophischen und logischen Prämissen schnell ins Wanken, die nach dem Schema „S ist P“ aufgebaut sind, also vor allem jene der sogenannten Logik.

Ein selten schwachsinniges Argument.
Erst Zeit über Gegenwartspräsupposition verunglimpfen,
dann das Ist der Logik präsentisch auslegen.
Nur weiter so,noch drei solcher Beiträge und dein Mathe-Trauma legt sich vielleicht.

Übrigens wird mich hüten, Rorty und Leiter zu
empfehlen.
Die sind für Analytische Philosophen Rote Tücher.

13 April, 2006 22:43  
Blogger mspro said...

Ich bin ja bisher nicht allzu bewandert im analytischen "Stil". Eva hob hervor, dass man sich vor allem auf die argumentative Auseinandersetzung konzentriert. Aber mittlerweile habe ich den Eindruck, dass man zusätzlich noch mit dem Eurofighter durch die Kinderstube gefegt sein muss. Ist dieser Ton typisch für die analytische Philosophie? Ich hoffe doch nicht.

Sorry Herr Harr, aber vielleicht wischen Sie sich erstmal den Geifer aus dem Gesicht, bevor Sie mich ansprechen.

14 April, 2006 01:32  
Blogger Eva Schmidt said...

Also analytische Philosophie ueber Zeit...
Eine beliebte Debatte in der analytischen Philosophie beschaeftigt sich mit der Frage, ob Zeit als eine 4. Dimension zu verstehen ist, die mehr oder weniger gleichwertig zu den drei raeumlichen Dimensionen hinzukommt, oder ob Zeit etwas ganz anderes und mit Raum nicht vergleichbares ist. (also Vierdimensionalisten gegen Dreidimensionalisten)
Eine Konsequenz des Vierdimensionalismus ist, dass ein Gegenstand nicht nur drei Dimensionen hat, sondern vier, und dass also ein Gegenstand ein Raumzeitwurm ist, der zu einem bestimmten Zeitpunkt immer nur teilweise da ist. Der Dreidimensionalismus hat dagegen die Konsequenz, dass jeder Gegenstand zu einem Zeitpunkt vollstaendig da ist. Ausserdem braucht der 3D eine absolute Gegenwart, die unabhaengig vom Ort ueberall gleich ist.

Der Vierdimensionalismus hat den Vorteil, dass er mit der Relativitaetstheorie kompatibel ist. Der 3-D-ismus hat da so seine Probleme, weil es laut Relativitaetstheorie keine absolute Gleichzeitigkeit (also auch keine absolute Gegenwart) gibt. Ein weiteres Problem des 3D ist, zumindest in der Version des Praesentismus, dass er nicht erklaeren kann, wie wir uns sprachlich auf vergangene Gegenstaende (z.B. auf Sokrates) beziehen koennen, weil das dann ja eine art nicht existenter Gegenstaende ist.

Damit zusammen haengt ein Thema was vielleicht zu dem Bezug hat, was du zu Heidegger gesagt hast. Je nach 3D oder 4D-Theorie wird naemlich die Frage unterschiedlich beantwortet, wie das mit dem Verb "sein" und seinen Tempora ist. Dem 4D-Theoretiker ist es wichtig, dass es im Praesens von "sein" sowohl den tempuslosen als auch den temporalen Gebrauch gibt. WEnn ich z.B. sage, dass ich Hunger habe, dann ist das temporal, schliesslich habe ich jetzt Hunger. Wenn aber ein Mathematiker sagt, dass 2 + 2 = 4 ist, dann ist das eine tempuslose Verwendung von "sein". (Und das haengt wieder damit zusammen, dass mathematische Aussagen unabhaengig von Raum und Zeit gelten.
Zu Zeiterfahrung habe ich in der analytischen Philosophie noch nichts gelesen. Keine Ahnung, ob sich irgendjemand dazu aeussert.

14 April, 2006 08:01  
Blogger Eva Schmidt said...

Und gleich noch ein kommentar hinterher...

Lieber Steffen, auch dir waere ich dankbar, wenn du ein bisschen weniger aggressiv und dafuer mit besseren Begruendungen argumentieren wuerdest.

Ich denke, dass es nicht von vorneherein klar sein muss, dass es die nicht-temporale Form von "sein" gibt. Die weitere Frage ist natuerlich, wie das mit unserer Zeiterfahrung zusammenhaengt. Und die dritte Frage ist, ob all das irgendwas darueber sagen kann, wie die Realitaet tatsaechlich strukturiert ist. Von daher, lieber STeffen, kann man das alles nicht so einfach abtun! Argumente bitte!

Ausserdem beschaeftigt sich auch die analytische PHilosophie damit, Leuten unausgesprochene Praemissen zu unterstellen bzw. welche aufzudecken. Was daran jetzt boese sein soll, ist mir nicht klar. Wenn das bei einem Philosophen moeglich ist, spricht das doch nur dafuer, dass er nicht besonders gut argumentiert hat, weil seine Praemissen vermutlich noch nicht mal ihm selber allesamt klar waren. Natuerlich ist es wichtig, dass dann auch der Angreifer seine Praemissen klar macht, aber das ist ja unabhaengig vom ersten Punkt.

Als Analytikerin bin ich ja tatsaechlich schon einiges an Diskussionen und auch mal unfreundlicheren Argumenten und Polemik gewoehnt, aber ich finde es wirklich etwas anstrengend, wenn ihr die Unfreundlichkeit noch nicht mal mit Argumenten verbinden koennt.

14 April, 2006 08:11  
Anonymous Steffen Harr said...

Ich könnte natürlich auch etwas aus
Ted Sider vortragen, Eva.
Mir scheint hingegen zur Beurteilung der Fragestellung,ob mathematische Aussagen äternalistisch zu
interpretieren sind,keine Entscheidung
zwischen 3D und 4D vonnöten.
"Wenn aber ein Mathematiker sagt, dass 2 + 2 = 4 ist, dann ist das eine tempuslose Verwendung von "sein". (Und das haengt wieder damit zusammen, dass mathematische Aussagen unabhaengig von Raum und Zeit gelten."
Dem scheinst du ja auch zuzustimmen.
Klarerweise steht es dir dann immer noch frei,eine Irrtumstheorie bezüglich mathematischer Aussagen zu vertreten.
Von mir aus kannst du auch einer
mereologischen Reduktion a la Lewis
das Wort reden,so dass mathematische Aussagen letztendlich ebenso 4-dimensionalistisch zu
interpretieren sind.
Dadurch zieht man nur in keinster Weise Common Sense Aussagen in Zweifel,welche Grundlage meines ersten Posts waren.


Zum zweiten Punkt:
Sicher ist es per se legitim auf versteckte Prämissen hinzuweisen.
Nicht legitim ist es hingegen,
Philosophen vorzuwerfen,nicht für alle Prämissen zu argumentieren,es sei denn man akzeptiert einen Holismus oder einen Infinitismus
der Rechtfertigung.
Versteckte Prämissen bilden in vielen Diskussionen den Aufgalopp
zu Dogmatismusvorwürfen.

14 April, 2006 11:26  
Blogger mspro said...

Um meine Aussagen ein wenig zu relativieren und um wieder einen gemeinsamen Nenner zu wiederzufinden, möchte ich den Begriff der "inneren Logik" vorschlagen. Natürlich kann man sagen, dass 2+2=4 eine evidente Aussage ist. Aber man sollte aber nicht unhinterfragt annehmen, dass diese auch allgemeingültig ist. Sie ist innerhalb einer inneren Logik evident, die wir Algebra nennen. Ich erspare mir die Verweise auf Gödel, Russel und andere, die bewiesen haben, dass jede formale Logik gewissermaßen ein Außen hat.
Nun ist genau das auch der Ansatzpunkt z.B. bei Derrida, erst einmal vermeintlich allgemeingültige Wahrheiten eben nicht unhinterfragt zu übernehmen. Mit gutem Grund, wie mir scheint, weil sich so ziemlich alle diese Wahrheiten bisher als begrenzt haltbar bewiesen haben. Und wenn es eine Kontinuität des Wissens gibt, dann doch sicher diese.
Es ist also grundsätzlich eine gewisse Vorsicht angebracht, wenn man von „Zeit“ und „Raum“ spricht. Unsere Vorstellungen von diesen Entitäten sind nun mal tradiert und man sollte sich über diese Tradition kundig machen, bevor man mit diesen Begriffen um sich schmeißt.
Ich will hier nicht im Einzelnen die Analysen Heideggers oder Derridas nachvollziehen, da ist man bei den Autoren selbst doch besser aufgehoben.
Stattdessen will ich hier kurz ausführen, wie Derrida diese Begriffe schließlich wendet. Er geht nicht mehr von einer schlicht existierenden Zeit und von einem schlicht existierenden Raum aus, sondern dynamisiert diese Begriffe gewissermaßen.
Er spricht von Temopralisation und von Verräumlichung, die erst durch die Vermittlung des Lesens geschieht (er nennt es nicht Lesen, aber der Einfachheit halber nenne ich es mal so). Lesen ist hier natürlich weiter gefasst und meint grundsätzlich die Operation des Differierens. Es gibt kein Lesen ohne Differenz, also ohne dass sich die Zeichen voneinander Unterscheiden, es gibt aber auch kein Lesen, solange sich die Zeichen nicht wiederholen.
Dieses Lesen muss also immer in diesem Spannungsfeld zwischen Differenz und Wiederholung geschehen. (Das gilt übrigens nicht nur für den Menschen, sondern auch für Tiere und auch meinetwegen auch für Messgeräte.)
Wenn also eine Differenz irgendwie wahrgenommen (aufgezeichnet, gemessen, konstatiert) wird, so ist dieses Wahrnehmen gleichzeitig eine Erfahrung des Raumes. Die Differenz spannt sogleich eine Unterscheidung von Hier nach Dort Oben Unten, etc. auf. Gleichzeitig erschafft sie auch die Erfahrung von Zeit, das heißt, sobald eine Differenz wahrgenommen wird, gibt es auch ein Vorher und ein Nachher.
Der Witz ist dabei, dass sich das Vorher wie das Nachher beide in der sogenannten Vergangenheit befinden, die also immer schon vergangen ist, sobald man sie wahrnimmt (liest, misst etc). Daher kann es so etwas wie eine Gegenwart überhaupt nicht geben, denn diese setzt eine Unmittelbarkeit voraus, die schlicht unmöglich ist.
Meine Ausführungen sind sicher nicht hinreichend und brechen einige Zusammenhänge ziemlich herunter. Ich bitte sie also nur als Skizze zu verstehen, und bei Interesse doch lieber zum Original zu greifen.

14 April, 2006 15:08  
Blogger Eva Schmidt said...

Wenn es euch nicht stoert, wuerde ich gerne bei der Frage nach dem nicht-temporalen Gebrauch von "sein" bleiben (die dann ja eher Heidegger als Derrida betrifft). Ich habe nicht ganz durchblickt, worauf Derrida ueberhaupt hinaus will, aber das ist bei dem knappen Raum auch wohl nicht voellig erstaunlich.

Also zu Heidegger: Der behauptet, dass wir "sein" nur im temporalen Sinne gebrauchen koennen, oder zumindest niemals wirklich im atemporalen Sinne. (Oder?) Wenn ich also sage: "Sokrates ist der groesste aller Philosophen" oder "2+2=4", dann schaffe ich es mit keiner dieser Aussagen, etwas atemporales zu sagen. Entweder ist meine Aussage eben doch eine Aussage im Praesens, oder (verstehe ich das richtig?) zumindest haengt sie irgendwie von der Gegenwart ab.

Dazu zwei Fragen/Feststellungen: 1. Was genau ist Heideggers Argument dafuer, dass wir "sein" nur abhaengig von der Gegenwart gebrauchen koennen? Ich vermute, es hat mit unserer Erfahrung von Zeit zu tun, bin mir aber nicht ganz sicher. Was erstmal intuitiv gegen diese These spricht, ist, dass unsere Praxis von mathematischen Aussagen bzw. zeitunabhaengig geltenden Aussagen an sich doch ganz gut zu funktionieren scheint. Wenn ich sage, dass Sokrates der Groesste ist, scheint es doch verstaendlich zu sein, dass ich nicht meine, er ist das gerade jetzt, sondern generell. Und dass zwei Steine und nochmal zwei schon vier Steine waren, bevor es Menschen gab (mit ihrer Zeiterfahrung) scheint doch auch erstmal plausibel, ebenso, wie es nicht schwer ist, so zu reden als ob. (Ich haette hier also eine metaphysische und eine sprachliche These.)

2. Nochmal zum Zusammenhang zwischen Zeit, Sprache, und Zeiterfahrung: Ich halte es fuer relativ unproblematisch, dass wir alle Zeit in der Gegenwart erfahren, und dass es davor etwas zu geben scheint, und dass es eindeutig auch danach etwas zu geben scheint. Unsere Sprache spiegelt das in Teilen wieder, nicht umsonst gibt es schliesslich simple Tempora wie Praesens, Praeteritum und Futur. In unserem Sprachgebrauch gibt es ausserdem (prima facie) zeitunabhaengige Aussagen, siehe oben. Ich denke aber, dass man weder von Sprache noch von Erfahrung eins zu eins darauf schliessen kann, was denn Zeit wirklich ist. Es gibt ja z.B. auch nette Tempora wie Futur II, und ich glaube nicht, dass irgendjemand meint, dass es entsprechend dann auch eine Zeit Futur II im metaphysischen Sinne gibt. Ebenso kann es Diskrepanzen zwischen unserer Zeiterfahrung und Zeit geben. (Vielleicht gibt es z.B. gar keine Zeit, wie der Eternalismus behauptet, wenn ich mich recht erinnere.)

Wenn wir uns also fragen, ob es ein atemporales "sein" gibt, stellen wir uns glaube ich drei verschiedene Fragen, eine sprachliche, eine metaphysische und eine epistemische:
a) Wird "sein" jemals atemporal verwendet? --> wuerde ich klar mit ja beantworten, siehe Beispiele oben
b) Gibt es Aussagen, die unabhaengig von der Zeit (also immer bzw. sogar ohne, dass es Zeit gibt, was auch immer das heissen soll) gelten? Damit waeren wir z.B. bei meiner Lieblingsfrage nach abstrakten Objekten: Sind die in irgendeinem Sinne real? Wenn ja, existieren sie natuerlich unabhaengig von Raum und Zeit.
c) Gehen wir mal davon aus, dass es abstrakte Objekte gibt, bzw., dass es einen Sachverhalt gibt, der durch meine Aussage "Sokrates ist der Groesste" ausgedrueckt wird. Wenn ich dann eine entsprechende Aussage von mir gebe, ist diese Aussage dann nur zufaellig wahr? Oder anders, wie koennen wir (eingeschraenkt durch Zeiterfahrung und Sprache) etwas ueber die "wahre Natur" der Zeit erfahren? Ich als Physikalist moechte mich zu dieser Frage gerne an den Physiker wenden, und einfach unseren besten gegenwaertigen Theorien glauben. Damit haetten wir zumindest laut Relativitaetstheorie Zeit als 4. Dimension (und koennten nicht-zufaellige Aussagen treffen, die immer gelten); ueber den Status von mathematischen Aussagen bin ich mir nicht sicher.

PS: Steffen, mir ist nicht ganz klar, was die Common-Sense-Aussagen in deinem ersten Post waren. Kannst du das nochmal klarmachen? Danke uebrigens fuers dabei bleiben und den Einstieg in die inhaltliche Debatte.

14 April, 2006 16:02  
Anonymous Kapitän Zähringer said...

Es ist doch ein Irrglaube anzunehmen,die Philosophie könnte auf die Einsichten Kants verzichten.
Gerade auch viele analytische Philosophen scheinen nocht nicht einmal die Kopernikanische Wende nachvollzogen zu haben(gell,JST).
Ein blinder Empirismus verleitet die Analytiker häufig zu einem Kurzschluss von Erscheinung auf Sein.
So lässt sich dem Problem der Aussenwelt natürlich nicht beikommen.

Aber auch die grossen Vereinfacher
a la francaise können mit ihrer Beliebigkeit nicht den Problemhorizont Kantischen Denkens ermessen(mspro).

Am schlimmsten aber sind die Analytischen Philosophen,die sich von den Kernproblemen der Philosophie abwenden und sich den
weichen Themen zuwenden.
So gibt es allen Ernstes Philosophinnen,die eine Theorie der Emotionen(sic!)zu entwickeln gedenken.
Das ist doch eine Bankrotterklärung der Philosophie!!!

19 April, 2006 19:19  
Blogger Eva Schmidt said...

Herr Kapitaen!
Ich zitiere: "Am schlimmsten aber sind die Analytischen Philosophen,die sich von den Kernproblemen der Philosophie abwenden und sich den weichen Themen zuwenden.
So gibt es allen Ernstes Philosophinnen,die eine Theorie der Emotionen(sic!)zu entwickeln gedenken.
Das ist doch eine Bankrotterklärung der Philosophie!!!"

Was sind denn die Kernprobleme der Philosophie? Und was sind die weichen Themen? Und was spricht dagegen, eine Theorie der Emotion zu entwickeln? Und wer sind die Philosophinnen, die das tun wollen? Und was hat das alles mit Bankrott-Erklaerungen zu tun?

Eva

19 April, 2006 21:26  
Anonymous Kapitän Zähringer said...

Was sind denn die Kernprobleme der Philosophie?
Das ist in etwa der Kanon von Problemen,die Kant in der KrV bearbeitet.
Also die Bedingungen der Möglickeit von Selbstbewusstsein,Wissen über die Aussenwelt,Bedingungen der Möglichkeit von Mathematik.
Für Analytiker,
Metaphysik und meinetwegen Sprachphilosophie oder immanente Ontologie.

Die weichen Themen?
Etwa die Emotionen

Und was spricht dagegen, eine Theorie der Emotion zu entwickeln?

Erstmal sollten die Titel auf Erkenntnis erworben werden,welche die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis erhellen.
(Problem von der Setzung der Vernunft.)

Emotionstheorie ist doch Unernst in Reinkultur.
Solche Fragestellungem ziemen sich allenfalls für Psychologie heute.

Und wer sind die Philosophinnen, die das tun wollen?

Das sind etwa Eva Engelen,Hilge Landwehr,Sabine Döhring und closer to home Alexandra Zinck und Eva Schmidt.

20 April, 2006 15:27  
Blogger Eva Schmidt said...

Ich find's ja schön, dass du mir so hehre Ziele wie eine Theorie der Emotion unterstellst, da habe ich mich aber bisher noch nicht drangewagt. (Mir reicht es für den Moment mich mit Wahrnehmungen rumzuschlagen.)

Trotzdem ist mir nicht klar, warum eine Theorie der Emotion ein "weiches" Thema sein soll (und was das heißen soll weiß ich auch nicht genau). Um das mal bei den von dir gnädigerweise akzeptierten Projekten einzuordnen: Emotionen/Gefühlszustände sind ja mentale Zustände. Es ist also erstmal metaphysisch gesprochen die Frage, welchen Status Gefühlszustände haben (ob es z.B. letztlich physische Zustände sind, ob es intentionale Zustände sind, wie das mit den Qualia ist, ob man sie evolutionär erklären kann, ...). Zweitens stellen sich natürlich Erkenntnisprobleme: Nämlich die Frage, wie man seine eigenen mentalen Zustände (hier Gefühlszustände) erkennen kann, und dann die Frage, wie man die Gefühlszustände anderer Leute erkennen kann. Es ist natürlich methodisch unsauber, wenn man sich für eine Theorie der Emotion diesen Problemen nicht stellt; solange man das aber tut, sehe ich nicht, was daran so schlecht sein soll.

Außerdem ist es wenig erstaunlich, dass auch in der PHilosophie das Thema "Emotion" im kommen ist, da es in der Psychologie mittlerweile immer weniger vernachlässigt wird. Und ich würde mir persönlich nicht anmaßen, rundheraus psychologische Theorien der Emotion zu verurteilen.

Außerdem habe ich jetzt schon mehrmals (und nicht nur von dir) lesen dürfen, dass sich irgendwas für Philosophen nicht "ziemt", oder dass man bestimmte philosophen nicht erwähnen sollte, weil andere philosophen das doof finden. Und ich muss jetzt doch mal loswerden, dass ich diese Sorte Dogmatismus reichlich albern finde. Womit man sich philosophisch beschäftigen sollte hängt ja wohl immer noch daran, wo man mit philosophischen Mitteln überhaupt ansetzen kann, ansonsten ist bei der richtigen Herangehensweise ja wohl nichts tabu!

20 April, 2006 15:47  
Anonymous Kapitän Zähringer said...

Schön,dass du meinen Ausführungen weitgehend zustimmst,Eva.
Ich muss aber doch darauf beHarren(kleiner Jokus),dass das Erwähnen bestimmter philosophischer
Unternehmungen sich nicht geziemt.

21 April, 2006 15:16  
Blogger mspro said...

Lieber Kapitän,

mir geht dieser Dogmatismus auch ziemlich auf den Senkel. Natürlich hat jeder etwas anderes gelesen und natürlich hat jeder dadurch eine andere Sichtweise auf die Dinge. Aber - und ich denke das sollte die einzige philosophische Annahme sein, die für alle Gültigkeit hat - niemand hat die Wahrheit gepachtet. Schon gar nicht wir. Ein wenig Demut gehört zur Philosophie einfach dazu. Und ich denke, sie ist vor allem auch dann hilfreich, wenn es hier zum transkonfessionellen Austausch kommen soll.
Ich will dennoch nicht bestreiten, dass Kant von außerordentlicher Wichtigkeit ist. Und auch mir geht es so, dass ich manche Fragestellungen und Thesen, die ich manchmal lese im kantschen Sinne für reichlich Naiv halte.
Was die französische "Beliebigkeit" angeht, so bin ich dem Vorwurf recht überdrüssig. Nur weil man - aus guten Gründen - eine vermeintlich objektive, ontologisch durchsetzte Sprache vermeidet, so sind die Aussagen noch lange nicht beliebig. Ich glaube also das ist ein grundsätzliches Missverständnis.

Wenn aber Beliebigkeit meint, dass man nicht mehr von einer feststehenden Wahrheit ausgeht, sondern man auch zugesteht, dass jemand die Dinge anders sehen kann, dann kann ich dir nur zustimmen und nehme dieses Attribut für mich in Kauf. In dieser - und hier passt es wunderbar - "inneren Logik" hast Du Recht und ich bin beliebig.

Das mit dem "großen Vereinfacher" hingegen ist mir völlig neu. Da bin ich ja auch fast baff, weil mir die sonstigen Vorwürfe noch als das genaue Gegenteil dessen in den Ohren klingen. Vielleicht kannst du da ein wenig konkreter werden, dann kann ich sicher noch was lernen. ;-)

21 April, 2006 18:45  
Blogger jge said...

Ich habe die Diskussion bislang leider nicht verfolgt. In der Philobar nun zwei Beispiele für den unterschiedlichen Zugang zu Themen bei den kontinentalen und den Analytikern. Derrida ist vielleicht ein bisschen zu starker Stoff für den Anfang -- es tut sicher gut, jeweils Werbung für die andere Seite zu machen. Dabei hilft es, wenn man sagen kann, warum man die jeweiligen Standpunkte überhaupt interessant findet. So kann ich mit Davidsons Sprachtheorie ebenso etwas anfangen wie mit Foucaults Diskursanalyse, weil sie beide aus meiner Sicht wichtige Aspekte der Verwendung von Sprache aufzeigen. Der "Diskurs" ist eine Perspektive, die in der analytischen Philosophie nicht vorkommt, Fragen der "Macht" sind -- außer in der politischen Philosophie -- m.W. nicht auf der Tagesordnung. Man kann das Thema natürlich ignorieren.
Meine Kenntnisse sind beschränkt, aber mir scheint, die analytische Philosophie hat bisher keine Kulturphilosophie von Rang hervorgebracht, nichts, was -- z.B. -- auf der Höhe der Frankfurter Schule wäre. Das liegt, vielleicht, daran, dass die Analytiker so tun, als würden sie keine Wertungsfragen stellen.
In Fragen der Ästhetik habe ich viel von Goodman und Danto gelernt. Keiner von ihnen hat mir allerdings etwas über die Faszination beigebracht, die von Kunstwerken ausgeht oder eben nicht. In der Literaturtheorie -- jeder hat seine eigenen Fragen -- ist es ein bisschen ähnlich: so ist die methodische Sauberkeit der analytischen Philosophie (im Idealfall) etwas, das man sehr dort vermisst, aber die Überlegungen zur Referenz von Fiktionen, die ich aus der analytischen Sprachphilosophie kenne, sind reichlich banal. Als gäbe es nicht mehr und anderes zur Literatur zu sagen.

Tja, die unausgesprochenen Prämissen. Dieses Ideal der Argumentation ist etwas, das man (zu Recht) im Proseminar lernt. Auf der anderen Seite bereitet das einen nur darauf vor, philosophisch kleine Schritte zu machen. Die großen Entwürfe auch der analytischen Philosophie kommen darum anders daher. Nicht erlaubt ist allerdings der Umkehrschluss, den auch die Kontinentalen dann gern machen: nur in großen Schritten denken, dann wird schon was Großes dabei herauskommen.

Was hier noch nicht angesprochen wurde, aber was ich bedenkenswert finde in der Debatte kontinental vs. analytisch, ist der Vorwurf der moralisch bedenklichen Folgen eines bestimmten Philosophiestils. So sagen Putnam und Scruton über Foucault, dass der "gefährlich" sei. Ob die Kontinentalen das den Analytikern auch vorwerfen, weiß ich nicht: würde mich aber interessieren.

PS Die Kontinentalen, die Analytiker: die gibt es natürlich nicht.

25 April, 2006 08:51  
Blogger Eva Schmidt said...

Warum soll Foucault denn gefährlich sein?

25 April, 2006 09:04  
Blogger jge said...

Scruton: z.B. hier -- nicht dass ich behaupten wollte, dass Scruton Foucault richtig versteht...

Putnam schreibt ein bisschen darüber in Renewing philosophy, die Stelle habe ich aber nicht parat.

26 April, 2006 09:40  
Blogger mspro said...

JGE, also dass man Foucault für gefährlich halten kann, leuchtet mir auf der Stelle ein. (Übrigens auch ein Vorwurf, der ähnlich von Habermas kommt) Ich erinnere mich dunkel daran, dass Chomsky nach einer Unterhaltung mit Foucault gesagt haben soll, er sei noch nie einem solchen Nihilisten begegnet.
Tatsächlich kann Foucaults Werk zu einem ziemlichen Fatalismus verführen. Alle Kategorien des Denkens und die Regeln des Zusammenlebens sind nur zur Kontrolle des Individuums da. Widerstand ist zwecklos, weil er sofort wieder von der Gesellschaft assimiliert und in eine "Selbsttechnik" überführt wird.

Das ist übrigens auch etwas was mich an Foucault stört. Man kann das so sehen, man kann es aber auch lassen und diese Dinge einfach als notwendige gesellschaftliche Selbstregelungsmechanismen betrachten. Dann bleibt aber immer noch die Gefahr des Fatalismus.

Das ist vielleicht auch so ein Unterschied zwischen A und C Philosophie. Man kann der C Philosophie mit Recht vorwerfen, den Bereich der Ethik zu sehr ausgeklammert zu haben. Das ist m.E. noch viel nachzuholen. Sicher auch etwas, was man besser bei der A-Philosophie findet.

PS: Natürlich gibt es das nicht, C&A. ;-)

26 April, 2006 23:01  
Blogger jge said...

mspro, bin gleicher Meinung: dass die Kontinentalen den Bereich der Ethik vernachlässigt haben. Nur so kann man auf die Idee kommen, dass "in der Tiefe Ethik und Ästhetik eins sind" (wo hab ich das nur gelesen?).
Nun aber noch der Nachtrag zu "gefährlich" -- ich habe mich falsch erinnert; Putnam nennt Derrida so. Ich zitiere aus der deutschen Übersetzung, Für eine Erneuerung der Philosophie, S. 171:
"Das Problem liegt darin, dass Derridas Schriften trotz mancher Ansätze zu argumentativen Äußerungen in der Hauptsache darauf hinauslaufen, dass die Begriffe "Begründung", "triftiger Grund", "Rechtfertigung" und dergleichen in erster Linie einem repressiven Gebaren entsprechen. Und diese Anschauung ist tatsächlich gefährlich, denn sie bietet allen möglichen linken wie rechten Extremisten (besonders den Extremisten mit romantischen Neigungen) Hilfe und Trost. Im zwanzigsten Jahrhundert sind wir Zeugen entsetzlicher Ereignisse geworden, und für diese Schrecken sind sowohl die extreme Linke als auch die extreme Rechte verantwortlich. Heute besteht unsere Aufgabe angesichts des einundzwanzigsten Jahrhunderts darin, die Fehler des zwanzigsten nicht zu wiederholen. Der Gedanke, die Vernunft sei nichts weiter als ein repressiver Begriff, wird uns dabei keine Hilfe sein.
Derrida ist, um es noch einmal zu sagen, kein Extremist. Seine eigenen politischen Aussagen sind nach meiner Anschauung durchweg zu bejahen. Aber die philosophische Verantwortungslosigkeit eines Jahrzehnts kann in der wirklichen Welt ein paar Jahrzehnte später zur politischen Tragödie werden. Und Dekonstruktion ohne Rekonstruktion ist Verantwortungslosigkeit.

27 April, 2006 07:07  
Blogger mspro said...

Nun, das Problem stellt sich m.E. schwieriger dar. Die Geschichte hat ja auch sehr deutlich gezeigt, dass sich der absolute Wahnsinn und die absolute Rationalität keinesfalls ausschließen. Dass es rationalen Massenmord, sowie aufgeklärte Peiniger gibt. Ich erinnere auch daran: Eine vom Selbstverständnis hoch ethische Regierung sitzt zurzeit in Washington und stürzt die Welt ins Chaos.
Man muss also einsehen, dass rational so gut wie alle Taten gerechtfertigt werden können. Eine Schlussfolgerung, auf die ja ganz unabhängig auch die kritische Theorie gekommen ist.

Aber ich stimme zu, dass es eine Ethik braucht. Aber es darf eben keine Ethik sein, die einen Absolutheitsanspruch aus irgendeiner vermeintlich rationalen Begründung herleitet. Davon haben wir wirklich schon genug gesehen, und es ist bisher niemals gutgegangen. Da ist Lyotard zuzustimmen: Die Zeit der großen Erzählungen ist endgültig vorbei.

Ich folge hier also durchaus Foucault und Derrida in ihren Ansichten. Eine Ethik, die keinen repressiven Charakter hat oder implitzit mitschleift (jede Ethik will nun mal allgemeingültig sein), gibt es sicher nicht. Macht ist immer und überall und vor allem auch in der Ethik.
Das heißt aber für mich, dass wenn man mit Ethik arbeitet, man sich der Tragweite dieser Ambivalenz immer bewusst sein sollte.
Derridas Argumentation seiner, man könnte sagen: Ethik der Nicht-Ethik, ist ja, dass wenn man den Menschen kein ethisches Denk-System vorsetzt, sie selber in der Verantwortung sind zu entscheiden. Eine Ethik, so seine Logik, steht der Verantwortung des Menschen im Wege, weil sie ihm scheinbar die ethische Entscheidung abnimmt. (Natürlich geht seine Ethik sehr viel weiter und fordert auch hier und da ganz unverblümt zur Toleranz auf)
Das Problem ist aber mal wieder der Mensch: Der will nicht entscheiden, der will lieber feste Werte, an die er sich klammern kann. Und ungeachtet Nietzsches höhnischem Gelächters sollte man da eine gewisse Pragmatik an den Tag legen und diesen Willen zur „selbstverschuldeter Unmündigkeit“ ernst nehmen:

Man kann aber die Ethik nicht verbannen, nur weil sie "auch" ein Machtinstrument ist. Ich bin also durchaus davon überzeugt, dass es eine Ethik braucht, dass die Menschen Ethik brauchen. Und ich bin überzeugt, dass wenn die Philosophie diese nicht bietet, dann werden es andere dankbar tun. Politiker, Lobbygruppen, Journalisten, Pr-Agenturen. Das ist sicher auch keine begrüßenswerte Option. Deshalb also ganz pragmatisch: Geben wir den Menschen eine Ethik…. Und wenn sie dann anfangen in unserm Namen Andersdenkende an hohen Bäumen aufknüpfen, sagen wir schnell: Das war alles nur ein blöder Scherz, hört doch bloß nicht auf uns ... wir sind doch nur Sophisten …

Fazit: Ethik ist sicher das schwierigste philosophische Terrain das wo gibt...

27 April, 2006 14:10  
Blogger Eva Schmidt said...

Ich bin mir nicht so sicher, ob du nur Probleme mit einer rational begruendeten Ethik hast, oder generell mit einer Ethik, die allgemeingueltig sein soll.

Dem Zusammenhang Ethik und Rationalitaet traue ich nicht so wirklich ueber den Weg. (So a la Kant - wirklich moralisch handeln geht nur ohne Ruecksicht auf Gefuehle, ausser der Achtung fuers Gesetz.)

Dass wir eine allgmeingueltige Ethik brauchen, finde ich hingegen offensichtlich. Ich weiss nicht, ob ich behaupten wuerde, dass es ethische/moralische Tatsachen gibt. Aber es ist ja wohl klar, dass der Massenmord der Nazis an den europaeischen Juden, Sinti, Roma usw. moralisch falsch war, und dass man dagegen auch nicht anfuehren kann, dass man der Nazi-Ideologie folgt, und dass es derzufolge moralisch geboten ist. Ich denke, man kommt nicht drum herum zu sagen, dass dieser Massenmord objektiv gesehen moralisch falsch war. Also braucht man eine Ethik, die genau das einfangen/erklaeren kann.

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