Mittwoch, April 19, 2006

Wissen = wahre gerechtfertigte Überzeugung?

Um mal wieder einen rein philosophischen Post zu starten...

Das Gettier-Problem ist ja wohl allgmein bekannt: Gettier zeigt, dass in manchen Fällen, in denen wir intuitiv einer Person kein Wissen zugestehen würden, laut der Definition von Wissen (=wahre gerechtfertigte Überzeugung) trotzdem Wissen vorliegen müsste. Womit gezeigt sein soll, dass die Definition nicht stimmt bzw. nicht hinreichend ist.

Ein Beispiel: Otto hat gute Gründe dafür zu glauben, dass sein Freund Hans einen Ford besitzt. Er hat überhaupt keine Gründe zu glauben, dass seine Freundin Elke in Barcelona ist. Aus Spaß formuliert er die Überzeugung: "Hans besitzt eine Ford oder Elke ist in Barcelona." Leider besitzt Hans keinen Ford, sondern fährt nur mit einem geliehenen Ford durch die Gegend. Dafür ist Elke zufällig in Barcelona. Die Überzeugung ist also gerechtfertigt und wahr, aber trotzdem weiß Otto nicht, dass Hans einen Ford besitzt oder Elke in Barcelona ist.

Das ganze Gettier-Problem beruht auf der Annahme, dass unsere Begriffe eine Definitions-Struktur haben. Es lässt sich definieren, worin Wissen besteht, und wer über den Begriff Wissen verfügt, verfügt irgendwie (intuitiv?) auch über die entsprechende Definition. Leider ist dieses Verständnis der Struktur von Begriffen völlig überholt. Beliebter sind zur Zeit die Prototypen-Theorie und die Theorien-Theorie.

Prototypen-Theorie: Ein Begriff besteht nicht in einer hinreichenden und notwendigen Menge von Bedingungen wie eine Definition; statt dessen müssen nur einige Bedingungen erfüllt sein, damit ein Begriff gegeben ist. (Z.B. fällt Banane unter den Begriff Frucht, obwohl vielleicht zu den Bedingungen für Frucht auch dazu gehört, dass eine Frucht rund ist.)
Theorien-Theorie: Begriffe sind wie Theorien - sie erklären sich durch ihre Rolle im Zusammenhang mit anderen verwandten Begriffen. (Z.B. spielt Apfel eine bestimmte Rolle im Zusammenhang mit Frucht, Birne oder Golden Delicious; darin besteht dann der Begriff.)

Gerade angesichts des Gettier-Problem finde ich es naheliegend, dass Begriffe nicht in Definitionen bestehen. Dann kann philosophische Begriffsanalyse aber auch nicht darin bestehen, Definitionen (mit dem Anspruch von notwendig und hinreichend) auszubuchstabieren.

Die Preisfrage: Was tritt dann an die Stelle der traditionellen Begriffsanalyse? Was kann man dann als Philosoph sagen, wenn man klären will, was wir eigentlich unter Wissen verstehen?

Für einen Artikel zu Begriffen: http://plato.stanford.edu/entries/concepts/

14 Comments:

Blogger mner said...

Es ist nicht so, dass es beim Gettier-Problem um eine Definition von Wissen geht.
Es geht um notwendige und hinreichende Bedingungen, einer Person Wissen zuzuschreiben ("necessary and sufficient conditions for someone's knowing a given proposition").
D.h., es geht um Kriterien für die Wahrheit der Aussage "S weiss, dass p".

19 April, 2006 16:44  
Blogger Eva Schmidt said...

Ich weiss nicht, ob Definition wirklich was anderes ist als notwendige und hinreichende Bedingungen.
Aber hier nochmal genauer:
Ein Ziel der Erkenntnistheorie ist es doch, zu klaeren, was wir eigentlich tun, wenn wir jemandem Wissen zuschreiben. Es ist also unser alltaeglicher Begriff von Wissen, der analysiert werden soll. Wenn man davon ausgeht, dass die Struktur eines Begriffs letztlich in hinreichenden und notwendigen Bedingungen besteht, die erfuellt sein muessen, damit der Begriff angewandt werden kann, dann ist eine Analyse von Wissen wie beim Gettier-Problem angemessen. Und man erhaelt die bekannten Probleme.

Wenn man aber anzweifelt, dass es notwendige und hinreichende Bedingungen geben muss, die erfuellt sein muessen, damit ein Begriff zutrifft, wird das ganze Gettier-Problem zu einem Nonsense-Problem. Wenn wir uns ueberlegen, welche weitere Bedingung dazu kommen muss, damit das ganze Paket hinreichend wird, versuchen wir etwas zu kriegen, was es einfach nicht gibt. Und dann stellt sich erneut die Frage, ob z.B. die Prototypen-Analyse oder die Theorie-Analyse von Begriffen angemessener ist.

Wenn unsere Ansichten sich doch unterscheiden, erklaer mir doch nochmal genauer, was du gemeint hast.

Eva

19 April, 2006 21:36  
Blogger mner said...

Hallo,
Es scheint gar nicht so sicher zu sein, dass es unser "alltaeglicher" Begriff von Wissen ist, der analysiert werden soll. cf. http://www.iep.utm.edu/g/gettier.htm
Zu diesem Punkt hier v.a. das Kapitel 12.
Das ist aber hier natürlich nur nebensächlich. Auf die anderen Punkte kann ich (aus Zeitmangel) aber jetzt leider nicht eingehen, folgt aber... ;-)

19 April, 2006 23:22  
Blogger Eva Schmidt said...

Ich habe gerade Kapitel 12 gelesen und fand es sehr spannend. Ich denke, dass dann immer noch relevant ist, ob Begriffe aus notwendigen und hinreichenden Bedingungen aufgebaut sind. (Bzw. ob wir hinreichende und notwendige Bedingungen fuer einen Begriff kennen muessen, um ueber ihn zu verfuegen.)

Aber wenn nur Philosophen der Meinung sind, dass Gettier-Faelle kein Wissen darstellt, stellt sich ausserdem die Frage, ob die Gettier-Beispiele uns ueberhaupt weiterhelfen. Wenn z.B. alle Nicht-Philosophen zustimmen wuerden, dass es sich dabei auch um Wissen handelt, dann waere es sogar unproblematisch ganz traditionell den Begriff Wissen als wahre gerechtfertigte Ueberzeugung zu analysieren.

Was ich sagen will: Von wessen Begriffen gehen wir ueberhaupt aus, und von wessen Begriffen sollten wir ausgehen, wenn wir als Philosophen Wissensanalysen betreiben?

22 April, 2006 19:49  
Blogger Eva Schmidt said...

Sorry, ich meinte natuerlich Begriffsanalysen im letzten Satz.

22 April, 2006 19:51  
Anonymous Anonym said...

Ich denke, dass es kein Problem darstellt, dass es sich bei diesem Begriff von Wissen nicht um das Alltagsverständnis geht. Nicht (nur) der Alltagsbegriff ist ja relevant - die Verwendungsweisen sind hier zu vielfältig, könnten mithin widersprüchlich sein - sondern wissenschaftliches Wissen soll gesichert werden.
Eher glaube ich, dass es sich bei dem Begriff "Wissen" um eine Hypostasierung handelt und die analytische Philosophie deswegen in derartige Verlegenheiten kommt, da ihr der reflexive Charakter des Terminus nicht bewusst ist.
Wenn alle Nicht-Philosophen zustimmen würden (und alle Philosophen), nunja, dann ist damit nicht das erreicht was wir wollen. Das Kap.12 des Artikels lässt mir hier zu sehr durchscheinen, dass es alles nur um die epistemologists community und deren Einigung in bestimmten Fragen geht -- als ob das die Wahrheit näher bringe.
Was soll durch den Begriff Wissen alles geleistet werden? Allgemein gültig sein. Soll er die z.T. divergierenden Alltagsauffassungen integrieren? Zufällig wahre Meinung ausschließen, wie das Gettier Bsp. lehrt.

25 April, 2006 12:03  
Blogger jge said...

Ich dachte, das Ziel der Erkenntnistheorie wäre zu erklären, ob und wie wir zu Wissen kommen können (und nicht: was wir tun, wenn wir Wissen zuschreiben).
Für mich sind zwei Positionen in diesem Zusammenhang interessant, die hier bisher nicht genannt wurden: im Augenblick scheint der Kontextualismus viele Anhänger zu gewinnen; der besagt, dass es vom Kontext abhängt, ob etwas als Wissen durchgeht oder nicht. Ein Skeptiker lässt sich damit aushebeln, die skeptische Situation erhebt einfach strengere Standards für das, was wir Wissen nennen wollen, während in normalen Zusammenhängen unser Alltagsverständnis ausreicht.

Gettiers Beispiele finde ich schon relevant, sie zeigen, dass die Art der Rechtfertigung eine Rolle spielt, und was wir darüber wissen. Für mich hat R. Nozick in seinen Philosophical Explanations da eine interessante Ergänzung der Definition von Wissen vorgelegt, in der zwei zusätzliche Bedingungen angeführt werden, die auf die Methode der Rechtfertigung abheben und sie mit als Grundlage für die Zuschreibung von Wissen ansehen.

Grade stolpere ich über das neue Buch von Paul Boghossian, Fear of knowledge (Oxford : Clarendon, 2006), der einen weiteren Faktor ins Spiel bringt: die Möglichkeit, Wissen als "sozial konstruiert" zu begreifen -- eine Option, die natürlich alle der genannten Bedingungen hier über den Haufen wirft. Boghossian ist natürlich dagegen -- und es ist ein Beitrag in der Diskussion kontinental-analytisch, weil hier die Gegensätze mal direkt aufeinanderprallen.

04 Mai, 2006 08:46  
Blogger Eva Schmidt said...

Hallo jge!

Der Gedanke kam mir auch, dass der Gewinn am Gettier wahrscheinlich darin liegt, dass er uns zwingt, uns besser klarzumachen, was wir eigentlich unter Rechtfertigung zu verstehen haben, und was erfuellt sein muss, damit unsere Ueberzeugungen gerechtfertigt sind.

Ganz allgemein geht es in Erkenntnistheorie darum, was Wissen eigentlich ist. (Waere mein Vorschlag.) Diese Frage laesst sich dann unterschiedlich verstehen: Was unterstellen wir Leuten, denen wir Wissen zuschreiben? (D.h., was heisst eigentlich unser Begriff Wissen? Ist Wissen ueberhaupt moeglich? (Gegen den Skeptiker) Wie ist Wissen strukturiert? Damit haengt natuerlich auch zusammen, wie wir zu Wissen kommen.

Ich mach gleich mal einen neuen Post zu Skeptizismus und Antworten darauf auf.

04 Mai, 2006 09:28  
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