Donnerstag, Mai 04, 2006

Skeptizismus und Kontextualismus

Fangen wir mit folgendem Satz an, den ich weiss: "Ich habe Haende."
Der Skeptiker sagt, dass ich nicht weiss, dass ich Haende habe. Grund: Die Moeglichkeit besteht, dass ich ein Gehirn im Tank bin und keine Haende habe. Computer schicken meinem Gehirn elektrische Impulse, die mir eine Aussenwelt vorgaukeln, u.a. auch, dass ich Haende habe. Da ich diese Moeglichkeit mit meinen Evidenzen nicht ausschliessen kann (die sind ja in der Gehirn im Tank-Situation haargenauso wie in der Situation mit realer Aussenwelt), kann ich nicht sicher wissen, dass ich Haende habe.

Erwiderung des Kontextualisten: Wenn mich der Skeptiker auf das Gehirn im Tank-Szenario aufmerksam macht, weiss ich tatsaechlich nicht, dass ich Haende habe. Ebenso in allen anderen Situationen, in denen jemand Zweifel an unserem Wissen ueber die Aussenwelt vorbringt. Wenn mir aber gerade niemand skeptische Szenarien ins Gedaechtnis ruft, weiss ich sehr wohl, dass ich Haende habe. Der Grund dafuer ist, dass mit dem Kontext die Standards wechseln in Bezug darauf, welche Moeglichkeiten ich ausschliessen koennen muss. Wenn in einem Kontext Irrtumsmoeglichkeiten vorgebracht werden, muss ich diese ausschliessen koennen; wenn in einem anderen Kontext diese Irrtumsmoeglichkeiten nicht vorgebracht werden, muss ich sie auch nicht ausschliessen koennen, um ueber Wissen zu verfuegen.

Mein Einwand (ich vermute ein Standardeinwand) gegen den Kontextualismus: Ich weiss, dass ich Haende habe, selbst wenn ich gerade im Philosophie-Seminar ueber den Skeptizismus diskutiere. Selbst wenn mir gerade jemand sehr eindringlich erzaehlt, dass alles mir genauso erscheinen koennte wie gerade jetzt, und ich trotzdem ein Gehirn im Tank sein koennte, aendert das nichts daran, dass ich weiss, dass ich Haende habe. Der Kontextualist hat hoechstens insofern Recht, als ich vielleicht meine Ueberzeugung verliere, dass ich Haende habe, wenn mir jemand das ganze gut genug suggeriert. Dann weiss ich natuerlich auch nicht mehr, dass ich welche habe (aber mein Wissen scheitert an der fehlenden Ueberzeugung, nicht an der fehlenden Rechtfertigung). Solange ich aber fest auf meiner Meinung beharre, finde ich es abwegig, dass diese Meinung auf einmal nicht mehr gerechtfertigt sein soll, obwohl sie es 5 Minuten vorher noch war.

11 Comments:

Anonymous Anonym said...

in deiner interpretation machst du den eindeutigen unterschied zwischen hände haben (skeptizismus) und wissen hände zu haben (kontextualismus).
ich kann jetzt allerdings nicht genau sagen, ob dieser unterschied so gewollt ist, da ich mich mit dem kontextualismus noch nicht beschäftigt habe aber so weit ich mich erinnere gibt es schon einen gegenbeweis zur tank-theorie, allerdings aus der logik....naja, ich fand ihn eigentlich nicht sehr überzeugend.....
auf jeden fall gebe ich dir recht, dass es letztendlich egal ist, da du ja in deinem wissenden bewußtsein hände hast.....
...ähnliche diskussionen gabs schon in der religionsphilosophie.....von wegen "ich weiß, dass ich einen Gott habe" usw.

05 Mai, 2006 20:58  
Blogger Eva Schmidt said...

Wenn ich dich richtig verstanden habe, hast du mich missverstanden, deshalb versuche ich jetzt, mich klarer auszudruecken:
Es geht mir insgesamt um Wissen, dass man Haende hat. Laut Infallibilismus muss man, um irgendetwas zu wissen, jede Irrtumsmoeglichkeit mit seinen Evidenzen ausschliessen koennen. Ich kann z.B. die Moeglichkeit ausschliessen, dass ich mir gestern beim Holzfaellen die Haende abgesaegt habe, da ich mich erinnere, dass ich gestern gar nicht Holzfaellen war, gerade jetzt auf meine Haende blicke, etc. (alles Evidenzen dagegen!) Wenn der Infallibilismus wahr ist, weiss ich allerdings nicht, dass ich Haende habe, da ich z.B. nie die Moeglichkeit ausschliessen kann, dass ich ein Gehirn im Tank bin. Also das Resultat: Skeptizismus.

Laut Kontextualismus haengt es vom Kontext ab, welche Irrtumsmoeglichkeiten ich ausschliessen koennen muss. In manchen Kontexten sind es wirklich alle Irrtumsmoeglichkeiten, naemlich z.B. im Philosophieseminar, in den meisten Situationen sind es aber nicht alle - es haengt einfach davon ab, welche Irrtuemer in welchem Kontext relevant sind. Und gegen diese Position habe ich mich gewandt. In beiden Faellen geht es aber darum, ob ich Wissen von der externen Welt haben kann.

Die Gegenposition zum Skeptizismus, auf die du anspielst, ist vermutlich eine Position a la Putnam, die versucht zu zeigen, dass der Skeptizismus inkohaerent ist. Die finde ich auch nicht so ueberzeugend.

Deienem letzten Kommentar "auf jeden fall gebe ich dir recht, dass es letztendlich egal ist, da du ja in deinem wissenden bewußtsein hände hast....." wuerde ich glaube ich gar nicht zustimmen: es fuehrt nicht zu Wissen, dass mein Bewusstsein mir vorgaukelt, dass ich etwas weiss. Es muss tatsaechlich der Fall sein, dass ich Haende habe, und die Irrtumsmoeglichkeiten muss ich ausschliessen koennen, um gerechtfertigt zu sein.

06 Mai, 2006 07:08  
Anonymous Anonym said...

Der skeptische Einwand richtet sich (die Gerechtfertigte-Wahre-Meinung-Analyse vorausgesetzt) gegen die Gerechtfertigt-Bedingung: Deine Evidenzen könnten trügen - etwa Halluzination, Täuschergott etc. (Die Bedingung der Wahrheit ist also nicht vom Einwand betroffen, jedenfalls nicht unmittelbar. Vorstellbar wäre zwar zweierlei, was aber hier unerheblich ist: Entweder du hast keine Hände, wirst aber darin getäuscht; oder du hast Hände, deine Evidenzen vermitteln dir auch diesen Eindruck, haben aber nichts damit zu tun -- die einschlägigen analyticophilosophischen Gedankenspielchen sind bekannt).

Aber was soll es denn heißen, du wüsstest dass du Hände hast? Mit dem skept. Einwand geht es nicht um dein Wissen, sondern um deine Meinung/Glauben dass du Hände hast.

Das kontextualistische Argument ist mir nicht verständlich (ich meine: es scheint mir dermaßen am Kern des Problems vorbeizugehen, dass mir nicht verständlich ist, dass das Argument überhaupt vorgebracht wird).
Du schreibst selbst zum Schluss: "Der Kontextualist hat hoechstens insofern Recht, als ich vielleicht meine Ueberzeugung verliere, dass ich Haende habe, wenn mir jemand das ganze gut genug suggeriert. Dann weiss ich natuerlich auch nicht mehr, dass ich welche habe (aber mein Wissen scheitert an der fehlenden Ueberzeugung, nicht an der fehlenden Rechtfertigung)."
Und sprichst nun von Überzeugung statt von Wissen, was m.E. richtiger ist als oben, wo du von Wissen sprichst. An der zeigt sich nun auch, dass diese Gerechtfertigte-Wahre-Meinung-Analyse nicht befriedigend ist.
Dein Wissen scheitert an deiner Überzeugung, aber ist doch die Überzeugung irgendwie mit der Rechtfertigung zusammenhängend: Macht dich jemand auf die Problematik der Rechtfertigung aufmerksam (möglicherweise trügerische Evidenzen), dann schwächt dass möglicherweise deine Überzeugung (und gefährdet so den Status derselben als Wissen).
Für die Problematik die hier besteht scheint mir die Terminologie Kants geeigneter (das Kapitel: Vom Meinen, Wissen und Glauben in der KrV).

06 Mai, 2006 10:23  
Blogger Eva Schmidt said...

Um den Kontextualismus ein bisschen plausibler zu machen, hier eine 'alltaegliche' Situation, in der man sagen koennte, dass Wissen verloren geht, weil sich (durch neu hinzukommende Irrtumsmoeglichkeiten) der Kontext aendert und damit die Tatsache, dass eine wahre Ueberzeugung gerechtfertigt ist:

Hans ist Vater zweier Kinder. Er sitzt gerade zu Hause in der Kueche und bereitet das Abendessen vor. Seine Kinder sind vor einer halben Stunde zum Spielen auf die Strasse gegangen, und er erwartet sie in einer halben Stunde wieder zurueck. In diesem Kontext sagt Hans zurecht von sich: Ich weiss, dass meine Kinder auf der Strasse sind. (Die Rechtfertigung kommt dadurch, dass er die Kinder hat gehen sehen, dass sie gesagt haben, sie seien auf der Strasse, etc.)

Nun kommt sein besorgter (und zuverlaessiger) Nachbar ins Haus gestuermt, und erzaehlt ihm, dass er gerade gehoert hat, dass ein bekannter Massenmoerder und Kinderschaender aus dem Gefaengnis ausgebrochen ist, und in der Nachbarschaft gesichtet wurde. Hans rennt sofort besorgt auf die Strasse, um seine Kinder zu suchen. Er wuerde zumindest von sich selbst behaupten, dass er jetzt nicht mehr weiss, dass seine Kinder auf der Strasse spielen.

Was fuehrt der Kontextualist dafuer als Grund an: Zwar hat schon vorher die Moeglichkeit bestanden, dass ein Massenmoerder frei herumlaeuft, aber vorher hat diese Moeglichkeit nicht an Hans' Wissen gekratzt, da sie nicht relevant war. Erst durch eine Aenderung des Kontext, naemlich durch das relevant werden eben dieser Moeglichkeit, war Hans' Ueberzeugung auf einmal nicht mehr gerechtfertigt.

07 Mai, 2006 07:35  
Anonymous Anonym said...

Das Beispiel macht es für mich nicht klarer. Der in dem Hans-Beispiel gebrauchte Wissens-Begriff ist nicht der, um den es im Gettier-Beispiel geht.
Das Subjekt kann sich nicht Wissen selbst zuschreiben. "Ich weiss dass p" meint also wohl eigentlich "Ich glaube dass p". Dass aber Meinungen/Glaube von der Situation abhängig sein können, ist doch unbestritten. (Natürlich hat das auch seine Auswirkungen für die Zuschreibungsmöglichkeit von Wissen. Aber Wissen ist, im obigen Sinne, v.a. zu gebrauchen in Sätzen der Art "S weiß dass p" und nicht "Ich weiß dass p".)

07 Mai, 2006 11:51  
Blogger jge said...

Na, wenn sich das Subjekt nicht selbst Wissen zuschreiben kann, dann frage ich mich, wie man überhaupt Wissen haben kann.
1. Argument:
S nimmt bei T etwas wahr, dass er für Wissen hält. Er schreibt es ihm zu. Wenn es nun wahr ist, dass T Wissen hat, wie kann es dann falsch sein, dass S weiß, dass T Wissen hat, also selbst Wissen (zweiter Ordnung) hat? Setzt natürlich den Begriff des Wissens voraus.

2. Argument
Wie kam das Wissen in die Welt? Wenn ich mir selbst Wissen nicht zuschreiben kann, wie weiß ich dann, was Wissen ist? Wie erkennt man das Phänomen?
Die Selbstzuschreibung von Wissen ist eine der wesentlichen Funktionen des Begriffs!


Darf ich, was das Gehirn im Tank angeht, auf meinen eigenen Aufsatz hinweisen? :-) Hier elektronisch:

http://www.opus.ub.uni-erlangen.de/opus/volltexte/2006/316/

08 Mai, 2006 10:56  
Anonymous Anonym said...

Wissen kann ich mir nicht selbst zuschreiben, da ich sonst in einen infiniten Regress gerate: Das liegt an der Bedingung der Wahrheit (unter Wissen als gerechtfertigte wahre Meinung).
Wissen lässt sich also nur vom Standpunkt eines allwissenden Beobachters mit Sicherheit zuschreiben, es ist also ein sehr idealer Begriff.

Zu Arg. 1 also: Wenn S über T sagt: "T weiß, dass p", dann muss S selbst wissen ob p der Fall ist. S kann von einem subjektiven Standpunkt aus allerdings nur glauben, dass p der Fall ist (es kann zwar p der Fall sein, dann ist der S' Glauben zwar ein Fall von Wissen, aber eben nicht selbstzuschreibbar, das ist der Punkt). Korrekterweise müsste S also sagen: "ich glaube, dass T weiss dass p".

Zu Arg. 2: Du "weißt" was Wissen ist, weil es eine Definitionsfrage ist. "Wissen" ist kein Phänomen! Und wir sprechen hier im Gegenteil von empirischem Wissen. Es gibt ein Set von Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um einen Zustand als Wissen auszuzeichnen. Ob wir deren Erfülltsein sicher feststellen können, ist doch eine ganz andere Frage.

Der These, dass Selbstzuschreibung von Wissen eine der wesentlichsten Funktionen ist, widerspreche ich energisch! (Solange wir bei der Gerechtfertigte-wahre-Meinung-Analyse bleiben.)

08 Mai, 2006 11:55  
Blogger Eva Schmidt said...

Im Hans-Beispiel geht es durchaus um Wissen: Der Kontextualist will uns verkaufen, dass Hans, ganz objektiv gesehen, nicht mehr weiss, dass seine Kinder auf der Strasse sind, obwohl er es noch glaubt. (Ich finde es auch gerade schwer, mir die Situation so vorzustellen, dass Hans nicht an seiner Ueberzeugung zweifelt, dass die Kinder auf der Strasse sind, aber genau das braucht der Kontextualist!)

Wie ist es in den normalen analytischen Wissens-Diskussionen mit objektiver/externer Zuschreibung von Wissen und interner/Selbstzuschreibung von Wissen? In erster Linie geht es zumindest bei skeptischen Problemen natuerlich darum, ob ich z.B. selber wissen kann, dass es eine Aussenwelt gibt.

Wenn wir von der wahr-geglaubt-per Irrtumselimination gerechtfertigt-Analyse von Wissen ausgehen, dann ist die Wahrheit schonmal ein externes Kriterium: Ich habe unter Umstaenden keinen Zugang dazu, ob eine meiner Ueberzeugungen wahr ist. Deshalb bieten sich Gedankenexperimente an, in denen wir sagen koennen: Nehmen wir mal an, die Situation ist so, dass Hans' Kinder wirklich auf der Strasse sind, oder dass es die Aussenwelt gibt.

Wie ist es mit meiner Ueberzeugung? Da ist es einerseits sehr plausibel, dass ich einen internen Zugang zu meinen Ueberzeugungen habe. Ich weiss, dass ich glaube, dass es eine Aussenwelt gibt. Andererseits habe ich bestimmt auch einige unbewusste Ueberzeugungen. Wieder bietet es sich an, die Ueberzeugungen anderer in einem hypothetischen Beispiel zu betrachten, wo man einfach festlegen kann, was sie glauben.

Rechtfertigung: Einerseits habe ich oft Zugang zu meinen Gruenden, warum ich etwas glaube; ich kann einschaetzen, wie gut diese Gruende sind. Andererseits haengt das vielleicht auch mit daran, wie die Aussenwelt, meine Umweltbedingungen, mein Intellekt wirklich beschaffen sind, also alles Umstaende, die man auch wieder mit groesserer Sicherheit von 'aussen' besser erfassen kann.

Woher weiss ich jetzt, dass Hans weiss, dass seine Kinder auf der Strasse sind? Ich wuerde mal behaupten, dass es bei dieser Art von Wissen (was weiss ich ueber ein ausgedachtes Szenario) keine Probleme mehr mit der Wahrheit gibt, da es in so einem Szenario ja von mir abhaengig ist, wie die sogenannte Aussenwelt beschaffen ist. Fuer meine Ueberzeugung, dass Hans weiss, dass... gibt es natuerlich die Moeglichkeit, dass ich heimlich etwas anderes glaube, aber die ist doch relativ abwegig. Und ob meine Ueberzeugung gerechtfertigt ist, ist natuerlich umstritten, weil z.B. der Kontextualist im Gegensatz zu mir behaupten wuerde, dass Hans nicht, weiss, dass..., und glaubt, dass er ebenso gute Gruende hat wie ich. Hier ist die Frage, ob es objektive Standards dafuer gibt, welche unserer beiden Ueberzeugungen wirklich gerechtfertigt ist. Ich wuerde sagen schon, sonst braeuchte ich mit dem Kontextualisten ja gar nicht mehr zu argumentieren.

10 Mai, 2006 07:38  
Blogger Sebastian L. said...

wie kommst du darauf dass, wenn du ein Gehirn im Tank bist, und der Computer dir Hände vorgaukelt, dass du dan keine hättest ? es gibt keinen Unterschied zwischen Realität und perfekter Simulation. Auch Dinge, die in einem Computerspiel geschehen geschehen.

16 Juli, 2006 11:15  
Anonymous Anonym said...

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